Arztbesuch

Das Telefon klingelt, ich schrecke auf, sodass die Schachtel schon wieder auf den Boden fällt. Wer kann das sein? Ich kenne doch kaum jemanden. Mein  Verleger!
Nein, ich habe ihm die Nummer nicht gegeben. Er kann es also nicht sein. Bestimmt ist das wieder dieser Arzt. Jetzt ruft er an und fragt, ob ich an meinem Roman arbeite. Aber dann werde ich ihm erzählen, dass er ein Quacksalber ist, dass er mir nicht hilft. Nicht mal ein Medikament schreibt er auf, der Mistkerl.
Ich gehe jetzt ans Telefon und mache ihn fertig. In zwei Schritten haste ich zum Telefon und melde mich gereizt. Das Freizeichen tutet mir ins Ohr. Ich lege den Hörer wieder in die Basisstation.
»Das war er bestimmt«, fluche ich, »ich nehme jetzt meine Pillen, und dann kaufe ich mir neue, ich mache das jetzt selbst, Ärzte, dass ich nicht lache.« Mit einer Handbewegung werfe ich mir die restlichen Pillen in den Mund und schlucke sie mit etwas Wasser hinunter. Unruhig laufe ich in den Gang zurück, suche nach den roten Schuhen, einem T-Shirt, den passenden Socken. Dann greife ich mir in die Hosentasche, um den Geldbeutel herauszuholen. Viel Geld kann nicht mehr darin sein. Ich hoffe, es wird noch reichen. Als ich wieder hochblicke, sehe ich etwas im Spiegel. Etwas fast Durchsichtiges ist hinter mir vorbeigeschlüpft. Ich bin mir nicht sicher. Im selben Augenblick zieht sich ein Schauer über meinen Körper. Die Haare stellen sich auf. Ich spüre das unangenehme Ziehen der Haarwurzeln am Kopf. Bestimmt hat es sich im Wohnzimmer verschanzt. Was ist das nur? Egal was es ist, ich muss es finden!
Mein Herz beginnt schneller zu schlagen.»Mein Gott«, denke ich, »jetzt geht es schon wieder los, ich kann das nicht mehr.«
»Hallo?«, rufe ich zaghaft. Der weißlackierte Türrahmen bewegt sich dicht vor meiner Nase hin und her. Ich klammere mich daran und wage es ganz kurz um die Ecke zu schauen. Der Computer schnurrt dort wohlig vor sich hin. Sonst kommt kein Laut zurück. Meine Augen überblicken in Sekundenschnelle den Raum. Dann taumele ich zurück, wende dem Zimmer und allem Grausigen, was sich dort versteckt hält den Rücken zu. Es geht nicht, ich kann dort nicht hinein, vielleicht kann ich dort nie mehr hinein und muss im Gang, in der Küche und im Bad leben. Warum bleibt das Ding verdammt noch mal nicht im Schlafzimmer? Oder ist es ein anderes?

© 2013 Lothar Seidler Verlag www.seidler-verlag.de