Zuckerwatte

Zuckerwatte

»Kaufst du mir Zuckerwatte?«
Es war die Stimme eines Mädchens. Hätte er die Augen geschlossen, wäre er auf ein Alter zwischen zwölf und siebzehn gekommen. Doch ihr Gesicht, mit den beginnenden Fältchen um den Mund, erzählte eine andere Geschichte. Ihm fielen ihre schönen Zähne auf. Ebenmäßig, fast weiß. Keine Raucherin, dachte er.
»Hallo«, sagte er, starrte sie an. Er hätte gerne mehr von ihren Augen gesehen, doch die blieben weiterhin vom Schatten der Markise bedeckt. Dann besann er sich, lächelte und sagte: »Na klar, blau oder rosa?«
»Rosa«, sagte der Verkäufer, » sie will immer rosa.« Der Mann hinter dem Stand nahm kurz angebunden das Geld entgegen. Sie griff nach der Zuckerwatte.
»Ich …«, fing er an, doch er verstummte, als sie seine Hand nahm und ihn wegführte.
Sie sprachen danach nicht mehr miteinander. Er ging neben ihr her. Sie aß genussvoll zwei oder drei Häppchen von der Zuckerwatte. Dabei glitt ihre Zunge über die dünnen Zuckerfäden und zog sie vorsichtig in den Mund hinein. Die Nacht war warm, sie hatten das Oktoberfest verlassen. In der U-Bahn-Station konnte er sie besser sehen, auch wenn sie ihm nur den Blick von der Seite gestattete. Sie hatte tatsächlich blaue Augen. Darauf hatte er gehofft. Nun berührte er sie zum ersten Mal. Er strich mit dem Zeigefinger über ihre Armbeuge und beobachtete, wie sich ihre blonden Härchen aufstellten. Seine Lippen, sein Atem strich über die Härchen wie der Wind über ein Gerstenfeld.
Als er versuchte ihr über den Kopf zu streichen, wich sie aus.
»Was ist?« Er war verunsichert.
»Komm«, sie zog ihn in die U-Bahn.
Später stieg er hinter ihr die Haustreppe hoch. Seine Hand berührte sie zwischen den Pobacken und glitt dann den Oberschenkel hinunter. Sie schloss die Tür auf. Er trat ein, blickte den schmalen Gang entlang.
»Du fotografierst?«, fragte er und strich mit dem Finger über gerahmte Fotos. Alle hatten das gleiche Motiv. Es waren Aufnahmen von Bauchnabeln, nackte, gepiercte, schwarze und weiße Bauchnabel.

»Manchmal«, sagte sie und begann ihre Bluse aufzuknöpfen.
»Oh, ich ...«, begann er und wurde rot. Sie lächelte.
»Du brauchst nicht zu bezahlen«, beantwortete sie die ungestellte
Frage. Dann drehte sie sich um und ging in einen weiteren Raum. Er vermutete dort das Schlafzimmer. »Ich, ich hole noch etwas zu trinken«, rief er und suchte die Küche.
Als er sie fand, blieb er überrascht an der Tür stehen. Statt einer Gaskochstelle oder eines Elektroherdes war eine tiefe Messingschüssel in die Einbauplatte eingelassen. In der Mitte war ein kleiner Topf. Das Innere der Schüssel hatte ein Gitter, darin klebte Zuckerwatte, rosa Zuckerwatte.

© 2013 Lothar Seidler Verlag www.seidler-verlag.de