Leseprobe: Der Drache Dreierlei

Anette Butzmann: Der Drache Dreierlei

Einst wurde im Drachenland ein ungewöhnlicher Drache geboren. Er hatte zwar eine schuppige grüne Haut und Krallen und war so groß wie alle anderen Drachen, aber er hatte gleich drei Köpfe!

Die Drachenfamilie war entsetzt und alle Nachbarn auch. Das Drachenkind entwickelte sich zunächst völlig normal. Aber ach, als es zu sprechen begann, stritten die drei Köpfe ständig miteinander. Meistens plapperten alle drei Münder gleichzeitig. Der kluge Kopf grübelte ständig über dieses und jenes nach und stellte den anderen schwierige Rätsel. Natürlich konnten die beiden anderen die Rätsel nicht lösen, denn das konnte eben nur der kluge Kopf. Ganz anders war der hitzige Drachenkopf. Oftmals machte er Späße mit den anderen zwei Köpfen. Meistens jedoch schimpfte er laut vor sich hin, wenn ihn irgend etwas störte.

Der dritte Kopf des Drachen war der musikalische. Vielleicht lag das an seinen besonders großen Ohren. Er unterhielt die anderen gerne mit leisen Drachengesängen. Wenn er jedoch nicht sang, so lächelte er
still vor sich hin, und niemand vermochte zu sagen, worüber er sich freute.

Kapitel III: Der Drache und Prinz Igor

 (...) »Ein großzügiger Prinz verschenkt sicher auch mal Zeit, um uns zuzuhören«, sagte der kluge Kopf. Die Arme des Drachen waren ein bisschen kurz, darum nahm der kluge Kopf den Türklopfer vorsichtig ins Maul. Er wollte gerade langsam und leise anklopfen, da öffnete sich die Tür, jedoch nur einen Spalt weit. Im gleichen Augenblick schoss ein schwarz-weißes Fellbündel heraus. Es maunzte kläglich. Dann tapste es heran und schnupperte an den Füßen des Drachen Dreierlei.
»Eine Katze!«, rief der kluge Kopf entzückt.
»Prinz Igor kann es nicht sein, sieht ein bisschen klein aus für einen Prinzen«, bemerkte der musikalische Kopf.
»Ih, die Katze stinkt«, beschwerte sich der hitzige.
»Haltet sie fest, ich will sie behalten«, rief der kluge.
»Ich kenne ein Lied über eine Katze, soll ich das jetzt singen?« fragte der musikalische Kopf.
»Ich werde sie nicht festhalten, sie stinkt!« schimpfte der hitzige.
»Sei doch nicht so empfindlich, guck doch mal, wie schlau sie ist«, sagte der kluge.
»Wir gehen jetzt rein«, erwiderte der musikalische Kopf etwas verschnupft, weil sich offenbar niemand für sein Lied interessierte.
Da kam im Türspalt eine Hand zum Vorschein.
Sie warf ein paar Kupfermünzen heraus. Gleich darauf klappte die Tür zu. Die drei Köpfe blickten sich erstaunt an.
»Habt ihr das gesehen?«, fragte der musikalische Kopf.

 (...)

 

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