Making Of

So könnte es begonnen haben ...

Die Idee entstand im Laufe eines literarischen Wochenendkurses im Herbst 2006, der mit Romanschreiben allerdings gar nichts zu tun hatte. Anette Butzmann und Nils Ehlert nahmen an einem Seminar für Dramatisierung in Schwäbisch Hall teil, es ging also um das Umsetzen von Texten in Theaterstücke oder Hörspiele. Hier der ungefähre, aber gänzlich nacherfundene und gekürzte Verlauf des abendlichen Gesprächs in der Kneipe. Tatsache ist, dass an diesem Abend die Ideen zu Schreibtechnik, Ort und Ausgangssituation der Handlung entstanden.

 

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Anette: Ich würde gern mal einen Roman schreiben.
Nils: Aber das ist so viel Arbeit.
Anette: Das stimmt. Ich würde trotzdem gern einen Roman schreiben.
Nils: Vielleicht könnte man sich die Arbeit teilen.
Anette: Und jeder schreibt einen Teil des Romans?
Nils: Dann macht es wieder Arbeit, das alles zusammenzuführen.
Anette: Man müsste genau vorschreiben, wer was zu tun hat.
Nils: Wo bleibt da die Kreativität? Und was soll man vorgeben?
Anette: Jeder könnte zum Beispiel eine Figur übernehmen.

Nils: Und wie passen die verschiedenen Stile zusammen?
Anette: Die brauchen nicht zu passen.
Nils: Wenn jede Figur mit eigener Stimme spricht, könnte das klappen.
Anette: Also ohne einen zentralen Erzähler, jeder aus seiner Perspektive.
Nils: Das kann sogar eine Stärke sein.
Anette: Es dürfen dann nicht mehr Figuren als Autoren vorkommen.
Nils: Wir brauchen so etwas wie eine Einsame-Insel-Situation
Anette: Ein Ort, wo die Figuren nur auf sich gestellt sind?
Nils: Genau. Wie wär’s mit einer Berghütte?
Anette: Und dort gibt’s dann Liebe, Eifersucht und Totschlag.
Nils: Woher kennen sich die Figuren denn?
Anette: Es könnten alte Schulfreunde sein.
Nils: Die sich nach vielen Jahren wiedersehen.
Anette: Ein Klassentreffen.
Nils: Das wird gut, wir nehmen noch zwei, drei Leute dazu.
Anette: Und dann schreiben wir zusammen einen Roman.

 

Diskussionen und Zwischenstände

Ende 2006 setzten wir gemeinsam ein Gerüst von Szenen auf und wiesen es den einzelnen Autoren zu. Der Zeitrahmen des Romans, ein verlängertes Wochenende vom 29.10. bis 1.11., gab schon einen gewissen Takt vor. Außerdem versuchte jeder ein Profil seiner Figur zu entwerfen. Damit waren ihre Verhaltensweisen beim Wiedersehen und die ersten Konflikte schon angelegt. Der Schluss und die Auflösung des Romans standen noch nicht fest.

Zu Fronleichnam 2007 gab es ein verlängertes Wochenende in einer Ferienwohnung in Vorarlberg. Neben dem Sammeln praktischer Bergerfahrung wurde der Hauptteil der Zeit auf die Diskussion der bis dahin fertig gestellten Szenen verwendet (ca. 100 Druckseiten). Die Szenen wirkten noch sehr unverbunden, der Schluss des Romans war weiterhin unklar, außerdem blieb Katharina recht blass, da sie als einzige Figur keinem Autor direkt zugeordnet war.

Im Sommer 2007 kam es zu einem weiteren Treffen im kleinsten Verlaghaus Heidelbergs. Anette und Olga stellten eine gemeinsame Idee für den Schluss des Romans vor, die nach einigen Modifikationen allgemeine Zustimmung fand. Außerdem kam es zu Selbstversuchen mit Erbswurst, Enzian und Wein aus Pappkanistern.

Ende 2007 hatte der Roman eine erste grobe Endfassung erreicht, fast alle Szenen waren geschrieben. Er umfasste nun ca. 200 Druckseiten. Trotzdem war uns klar, dass noch viel Arbeit vor uns liegen würde. Es galt, etliche Widersprüche und Ungereimtheiten aufzulösen, so tauchten in den Texten immer wieder Bäume oberhalb der Baumgrenze auf, ungewollte Zeitsprünge kamen uns in die Quere, und die Figuren wussten oft mehr, als sie eigentlich durften.

Zu Ostern 2008 hatten schon ziemlich viele Überarbeitungen stattgefunden und die letzten Lücken waren aufgefüllt worden. Anette wollte das Werk termingerecht einem ersten Testleser in die Hand drücken. Nach dem Protest der anderen Autoren, die den Roman immer noch für zu unfertig hielten, gab sie die Planung auf. Der Roman hatte seinen heutigen Umfang von ca. 250 Druckseiten erreicht.

Während des Sommers 2008 fanden weitere Umarbeitungen statt, der gesamte Schluss wurde mehrfach umgestellt und umgeschrieben. Im Herbst bekamen dann die ersten Testleser den Roman in die Hand, Freunde, Bekannte und Eltern wurden eingespannt und aufgefordert, uns en gros und en detail ihre Meinung zu sagen. Die Rückmeldungen waren überwiegend positiv, aber es gab auch Kritik, die wir in unsere weitere Arbeit einfließen ließen.

Um die Jahreswende 2008/2009 hatten wir das Gefühl uns der finalen Version des Romans zu nähern. Jeder von uns las ihn selbst noch einmal mit dem Blick eines Lektors durch und machte seine Anmerkungen. In weiteren Sitzungen wurde der Text mit Hilfe eines Beamers projiziert und die Änderungen mit Hilfe einiger Kompromissbereitschaft in den Text eingearbeitet. Dabei wurde manches herausgekürzt, das uns zu lang, zu umständlich oder gar überflüssig erschien.

Zu Beginn des Frühjahrs 2009 gab es einen weiteren, letzten Korrekturlauf. Der Roman wurde in fünf Teile geteilt, die durch Zirkulation jedem Autor einmal zum Korrekturlesen in die Hände gegeben wurden. Eigentlich war unsere Erwartung, vor allem Rechtschreib-, Komma- und Satzfehler auszumerzen, aber es kam noch immer zu letzten inhaltlichen Feinarbeiten.

Ende April 2009 war die Arbeit dann endgültig abgeschlossen. Fast zweieinhalb Jahre waren von der ersten Idee bis zur Fertigstellung vergangen. Die Intensität, mit der wir am Roman geschrieben hatten, unterlag starken Schwankungen, denn da vier von uns einem anderen Brotberuf nachgehen, waren die Zeit und Lust, die zur Verfügung standen, nicht gleichmäßig verteilt. Parallel liefen weitere Projekte der Literatur-Offensive, zu denen wir ebenfalls unsere Beiträge liefern wollten. Aber da ein Text auch reifen muss und dafür seine Zeit braucht, wäre es wohl auch unter anderen Umständen nicht viel schneller gegangen.

Dieser Roman war ein Projekt. Es war nicht von Anfang an klar, dass wir ihn erfolgreich beenden würden. Es gab anfangs große Zweifel zu überwinden. Würden wir unsere individuellen Unterschiede als Autoren soweit „glätten“ können, dass ein großes Ganzes entsteht? Wie weit würden wir den anderen erlauben, in unsere eigenen Texte einzugreifen? Wir hätten scheitern können, und es gab Momente, in denen einzelne Autoren am liebsten hingeschmissen hätten.

Rückblickend können wir sagen: Es war anstrengend und hat uns einige Nerven gekostet, aber es war auch schön und hat sich gelohnt!

© 2009 Die Literatur Offensive www.litoff.de