Leseprobe: Das Bestsellerprojekt

Heide-Marie Lauterer
Das Bestsellerprojekt


Libella wurde wach, streckte ihre Hand nach Carlo aus, tastete ins Leere; enttäuscht zog sie die Hand zurück, seine Hälfte des Bettes war kalt. Aus seinem Büro drang das Klappern der Tasten, das einzige Geräusch, das seit Tagen aus dem Zimmer kam. Schriftsteller waren merkwürdige Leute.
Es war zu früh um aufzustehen, und sie drehte sich noch einmal um. Als sie nach einer Stunde vom Weckerklingeln aufschreckte, klopfte ihr Herz; sie hatte geträumt und die Stimmung des Traums klang noch in ihr nach. Der Traum war aufregend wie ein Film gewesen, aber ziemlich unverständlich. Sie hatte einen toten Vogel im Garten begraben, aber das Vogelgrab war aufgewühlt, und der Vogel nicht mehr da. Dann ritt sie auf einem braunen Pony durch eine Steppe zu einem mächtigen Stein. Dort wartete ein Mann auf sie, dem sie ihr Geschenk brachte. Nicht irgendein Geschenk, auch nicht irgendein Mann, was ihr im Traum nicht verwunderlich erschien. Nach dem Aufwachen allerdings schon. Es war lange her, dass sie jemanden so ein Geschenk gemacht hatte, denn es drehte sich nicht um ein Mitbringsel oder etwas nett Eingepacktes zum Geburtstag. Dieses Geschenk würde eine besondere Wirkung zeigen, welche, wusste sie nicht, auch nicht, wer der geheimnisvolle Mann war.
Die Bilder ließen sie nicht los, sogar während der Unterrichtspausen in der Volkshochschule dachte sie an nichts anderes. Schließlich war sie fast sicher, dass der Mann Carlo sein musste, aber für das Geschenk fand sie keine Erklärung. Heute Abend frage ich ihn, sagte sie sich.
Abends saßen sie zusammen auf der Terrasse und schauten den Schwalben zu, wie sie durch die Luft jagten. Libella riss Pfefferminzblättchen von der Pflanze auf der Fensterbank ab und zerrieb sie zwischen den Fingern, während Carlo über seine Schwierigkeiten redete. „Ich finde einfach kein glückliches Ende.“
Er redete und redete, und Libella schnüffelte Pfefferminzduft. Als er eine kleine Pause machte, um Luft zu holen, nutzte sie die Gelegenheit: „Warum glücklich?“, warf sie ein. Eigentlich wollte sie es gar nicht wissen, denn ihr ging es gar nicht um das Ende, sondern um den Anfang.
Gerade in diesem Augenblick stand Carlo auf. Ohne auf ihre Frage zu achten sagte er: „Entschuldige, mir ist gerade was eingefallen!“
Er hatte wieder einen seiner Einfallsblitze gehabt. Seitdem er an seinem neuen Roman ‚Das weiße Schiff‘ arbeitete, kam es öfter vor, dass er mitten im Gespräch aufsprang und in sein Büro verschwand. Damit hatte sie sich abgefunden. Es war nicht der erste Abend, den sie allein auf dem Balkon zubringen musste, und es würde bestimmt auch nicht der letzte bleiben. Doch jetzt drehte sich Carlo noch einmal um. „Es dauert nicht lange, ich glaube, ich weiß jetzt, was fehlt!“ Und weg war er.
Ins Rattern des Druckers und in das Klappern der Tastatur, das bis auf die Terrasse hinaus zu hören war, mischte sich Kinderlachen. Sie stand auf und winkte den Nachbarskindern zu, die im Garten Federball spielten. Sie warfen den Ball in die Luft, schlugen, trafen, der Ball flog ins Gebüsch, wo sie ihn unter viel Geschrei suchten. „Libella, komm“, riefen sie ihr zu, um sie zum Mitspielen aufzufordern. Carlo und Libella wohnten in einem verwunschenen Gartenhäuschen mitten in der Stadt. Eher heruntergekommen als verwunschen, doch das beeinträchtigte die Idylle des Ortes nicht. Umgeben von Büschen, alten knorrigen Apfelbäumen und Heckenrosen, die sich bis auf die Terrasse rankten. Als Carlo sie zum ersten Mal zu sich nach Hause eingeladen hatte, hatte sich Libella von dem Garten verzaubern lassen und hatte zum ersten Mal in ihrem Leben den beinah schmerzlichen Wunsch nach einem Kind verspürt.
Noch wäre Zeit. Mit ihren 35 kam sie allmählich in ein kritisches Alter, doch Carlo war der Ansicht, er sei zu alt für ein Kind, und außerdem hatte er bereits eine Tochter. Doch Sandra war erwachsen, und Carlo hatte eigentlich keinen Kontakt mehr zu ihr, wenn man von ihren halbjährlichen Fünfminutengesprächen am Telefon und den gelegentlichen SMS einmal absah, in denen es immer um Geld ging. „Sandra meldet sich nur, wenn sie knapp bei Kasse ist“, entrüstete er sich. Sobald Libella auf ihren Kinderwunsch zu sprechen kam, hielt er ihr vor, dass ein Kind viel Liebe und Zeit brauche, und Libella hatte jedes Mal das Gefühl, dass er ihrem Wunsch ausweichen und sich dafür rechtfertigen wollte. Dabei hatte Carlo Zeit im Überfluss und Liebe auch, doch die steckte er zuerst in seine Geschichten. Nur Geld hatte er nicht, und das spielte natürlich auch eine Rolle. Oder eigentlich auch wieder nicht, denn Libella verdiente nicht schlecht mit ihrem Sprachunterricht und den Literatur-Kursen an der Volkshochschule. Sie würde sogar Elternurlaub bekommen, und die kleine Wohnung im Gartenhäuschen war trotz der Stadtnähe bezahlbar. Allerdings auch renovierungsbedürftig – doch das würde sie selbst in Angriff nehmen. Im Tünchen von altmodischen Raufasertapeten besaß sie eine gewisse Fertigkeit.
Dass Schriftsteller anders als gewöhnliche Leute tickten, hatte sie von Anfang an gewusst. Carlo war ganz anders als Kevin, und genau das hatte ihr an ihm gefallen. Manchmal erwischte sie sich bei dem Gedanken, was wohl gewesen wäre, wenn Kevin sie nicht mit Carlo bekannt gemacht hätte, doch das führte zu nichts. Sie hatte sich vor drei Jahren von einem Schriftsteller und nicht von einem Grundschullehrer erobern lassen, so war es eben.
Sie riss wieder ein Blättchen von der Pfefferminzpflanze im Blumentopf ab, zerrieb es, roch daran und ließ es auf den Tisch fallen. Die Schwalben jagten mit schrillen Pfiffen hintereinander her, gierig nach den wenigen u?briggebliebenen Insekten. Wie lange musste sie noch Geduld mit ihm haben? Würde sie warten können, bis er den gordischen Knoten, in den sich sein Werk anscheinend verwickelt hatte, lösen würde? Eine Woche, einen Monat vielleicht sogar zwei? Oder besser gefragt, wollte sie überhaupt so lange Geduld haben?
Carlo kam schon nach ein paar Minuten zurück. „Weißt du, ein Bestseller braucht ein glückliches Ende, das wollen die Leserinnen. Heute ist es soweit, oder fast. Libella, tust du mir einen Gefallen?“
Sie atmete den Pfefferminzduft ein und sah ihn erwartungsvoll an.
„Libella, Schatz, könntest du mir das Manuskript schon mal zur Vorsicht im Copy-Shop kopieren? Einmal, das reicht. Ich habe es auf einen Stick gelegt.“
Freudig streckte sie die Hand aus. Das konnte doch nur eines heißen: Er war wirklich fertig! Ich hoffe es so sehr, dachte sie, aber sicher war sie nicht. Bei Carlo konnte man nie voraussagen, was er im nächsten Augenblick denken oder tun würde. Sie nahm den Stick an sich und verkniff sich die Frage, zu welchem guten Ende er ‚Das weiße Schiff‘ denn gebracht hätte. Carlo gehörte zu den Autoren, die nicht über die eigenen Texte sprachen, solange sie noch im Entstehen waren; nur Kevin erzählte er manchmal von seinem neusten Werk, und dann war er nicht mehr zu stoppen. Kurz und bündig etwas auf den Punkt zu bringen gehörte nicht zu Carlos Stärken, stichelte Kevin. Aber war das wichtig? Das Ergebnis lag jetzt auf einem Stick, in ihrer, Libellas, Hand und das genügte fürs Erste.

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