Lesprobe: Null und eins

Leseprobe

Anette Butzmann/Nils Ehlert
Null und eins

Hinter den Fenstern war gedämpftes Licht zu sehen. Stefan ging durch das Gartentor und die beiden Stufen hinauf. Oben klingelte er. Es kam niemand an die Tür. Auch nachdem er nochmals auf die Klingel gedrückt hatte, diesmal länger, kam keine Reaktion. Ein bisschen Lärm konnte nicht schaden. Er klopfte an die Tür und machte durch lautes Rufen auf sich aufmerksam. Die Lampenbei den Nachbarn gingen an. An die Tür kam immer noch niemand. Sollte er nun einen Kollegen hinzuziehen? Wenn er nach Vorschrift vorging, musste er auf Verstärkung warten. Aber wahrscheinlich war die Spur einfach nur eine Sackgasse. Wahrscheinlich war wirklich niemand zu Hause und er würde sich vor den Kollegen lächerlich machen. Manche Leute schalteten das Licht aus Schutz vor Einbrechern absichtlich nicht aus. Er entschied, um das Haus herumzugehen. Vielleicht konnte er von außen etwas sehen. Stefans Schritte wurden von dem raschelnden Laub verstärkt. Leider waren die Fenster sehr hoch. Er wollte sich gerade an einem der Fensterbretter hochziehen, da bemerkte er unter sich eine Bewegung. Eine dunkle Hand schnellte aus dem Laub hervor, umfasste hart seinen Knöchel und riss ihn mit einem Ruck zu Boden. Stefans rechter Fuß wurde durch die schmalen Streben eines Kellergitters gezogen, er spürte, wie die Haut einriss. Ein heller Schmerz durchzuckte ihn, er schrie. Zuerst dachte er, sein Fuß sei gebrochen. Er trat mit dem anderen Bein nach seinem Angreifer, aber das Gitter war dazwischen. Der Versuch, das Bein schnell wieder herauszuziehen, misslang. Der andere zerrte Schuh und Socke herunter. Stefan versuchte, sich aufzurichten, da verdrehte sein Angreifer den Fuß, und Stefan landete fluchend auf der rechten Körperseite. Er roch das aufgewirbelte Laub und die Erde. »Polizei, lassen Sie mich sofort los, das bringt doch nichts«, brachte Stefan hervor. »Sie bringen sich in eine aussichtslose Lage.« Der andere antwortete nicht. Dann schloss sich ein Kabelbinder um seinen verletzten Knöchel und fesselte ihn so an das Kellergitter. Stefan zerrte an seinem Bein. »Jetzt lassen Sie den Quatsch, wir kriegen Sie sowieso, und dann haben Sie ein richtiges Problem«, sagte Stefan. »Mein Kollege sitzt im Wagen, Sie kommen hier nicht weg.« Was machte der verdammte Idiot? Ein zweiter Kabelbinder umschloss seine Großzehe und fixierte sie an einem weiteren Gitterstab. Das Blut pulsierte sofort in dem kleinen Gelenk. Ein tückisches Prinzip. … Da spürte er den leichten Druck einer Messerspitze an seiner Ferse. Stefan hielt den Atem an. Sie glitt kalt und gezielt an seiner Fußsohle entlang. Das durfte doch nicht wahr sein. Der Typ bedrohte ihn, vielleicht würde er sogar an seinem Fuß herumschneiden.
 

 

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