Leseprobe: Der Untermieter

Jancu Sinca
Der Untermieter


Eine Novelle


Prolog

Es mussten die Autos sein, die das Zittern der Scheiben in den Einfachfenstern verursachten. Als Kind hörte ich sie immer die Allee hinab rasen, die zur Zweigstelle der Bibliothek führte, in der meine Mutter arbeitete und aus der ich mir als Kind manchmal die Bücher von Jules Verne ausgeliehen hatte. Oder sie waren hinauf gerast, an dem Park vorbei, in dem ich mit der Schulklasse Schlitten gefahren war oder einen Findling bestiegen hatte. Nicht weit davon lag die Universität, zu der ich mich heute aufmachen musste. Ich blieb im Bett und horchte, ob sich Malte schon in der Wohnung bemerkbar machte.

Mein Blick fiel auf  die makulierten Bände im Regal, die noch die Signaturen der Bibliothek trugen. Auf dem Schreibtisch leuchtete jetzt das Kästchen aus Zedernholz, in das früher ein Buch hinein gehörte, um so vor Wurmfraß geschützt zu bleiben. Ich bewahrte darin Tintenfass, Bleistiftanspitzer und Radiergummi auf. Daneben stand die Schatulle aus Eichenholz, in die ich, weil sie abzuschließen war, mein Sparbuch hinein tat. In der Spanschachtel, die eigentlich für Zigarren bestimmt war, lag außer dem Schneckenhaus, das mir meine Schwester geschenkt hatte, eine tote Eidechse, die Malte auf einem unserer Klassenausflüge fand. Eine Geldmünze aus Italien war auch dabei. Meine Mutter hatte sie mir nach unserer Rückkehr aus Venedig überlassen.

Die meisten Utensilien in meinem Zimmer stammten vom Flohmarkt, den ich regelmäßig besuchen ging. Im Herbst kam ich oft nur mit einem Sack Walnüssen zurück. Ich liebte ihren Geschmack, der immer ein leichtes Brennen oder Jucken auf der Zunge hinterließ. Es erinnerte mich an die übrig gebliebenen Nüsse, die ich bekam, wenn meine Mutter die Walnusstorte für die Familie gebacken hatte.

Obwohl ich Malte immer noch nicht hören konnte, überwand ich meine Trägheit und stand auf, um ins Bad zu gehen. Anstatt zu duschen, wusch ich mich nur am Waschbecken, kehrte ins Zimmer zurück und zog meine Sachen vom Vortag an. Ich hatte keine Zeit mehr zu frühstücken. Ich sammelte das Schreibzeug auf dem Tisch ein und warf es in die Schultasche, die jetzt meine Studientasche geworden war. Als ich in den Flur trat, fiel mein Blick auf das Plakat an Maltes Zimmertür, das die Umrisse eines menschlichen Körpers wiedergab, auf den Pfeile mit Erklärungen für das jeweilige Körperteil zielten.

Die Tür ging auf und Malte erschien, als ob er auf mich gewartet hätte. Doch er war genauso überrascht wie ich. »Heute noch nicht in der Uni?«, fragte ich ihn, weil er meist vor mir unterwegs war. »Heute später«, gab er verschlafen zurück. Bis auf die Unterhose hatte er nichts an. Durch die offene Tür sah ich einen Frauenfuß über die Bettkante hängen. Erst jetzt fiel mir auf, dass auf dem Boden so wie bei mir ein roter Kelim lag. Der Fuß der Frau wippte auf und ab, als wolle er mir zuwinken.

»Verstehe«, sagte ich lächelnd. Und Malte lächelte unsicher zurück.

(...)


Der Abstellraum

(...)

Als die Bahn über den Neckar fuhr, waren die beiden Mädchen schon wieder verschwunden. Ich stand auf, um wie gewohnt auszusteigen.Draußen blies mir der Wind ins Gesicht. Ich fühlte mich schon an den kommenden Herbst erinnert. Ob heute ein letzter Sommertag zu Ende ging? Vielleicht verhielten sich deswegen alle Menschen um mich herum anders als sonst.

Als ich die Tür zum Gebäude aufschloss, hatte ich das erste Mal das Gefühl, dass außer mir noch jemand hier war. Die Tür war wie immer verschlossen gewesen. Es gab keinen genauen Grund für dieses Gefühl.

Im Aufenthaltsraum holte ich die Butterbrote, Kleists Stücke und Schillers ›Wallenstein‹ aus der Tasche. Ich hatte das Trauerspiel schon oft in der Hand gehalten, aber nie zu Ende gelesen, obwohl es mich immer an eine Klassenkameradin erinnerte, neben der ich oft zu sitzen gekommen war. Anna liebte Dramen und wollte Schauspielerin werden. Ich wusste noch, wie sie im Englisch-unterricht ganz aufmerksam wurde, als in ›König Lear‹ der Satz fiel: »Die Sterne, die Sterne oben lenken unsern Sinn.« Als wir im Geschichtsunterricht auf den Dreißigjährigen Krieg zu sprechen kamen, fesselte sie an Wallenstein, dass er sich des Astrologen Kepler bediente, um in die Zukunft zu sehen. Sie hätte vielleicht die Wahrsagerinnen ernst genommen, die im Fernsehen die ganze Nacht lang Menschen in der Liebe oder in Geldangelegenheiten berieten. Für ihre Ratschläge sahen sie in Tarotkarten, Glaskugeln oder in den Kaffeesatz. Manche gaben vor, Kontakt mit Toten aufnehmen zu können.

Ich schlug das Buch von Schiller auf und las die Szene, in der der Astrologe einen Hinterhalt im ›Haus des Lebens‹ von Wallenstein entdeckt.Ich merkte aber, dass ich mich nicht konzentrieren konnte. Irgendwie beschäftigte mich die Frage, ob das Gebäude, das ich bewachte, überhaupt noch dem Institut gehörte, das mich zur Jahresfeier eingeladen hatte. Vielleicht war es schon in die Hände einer Immobilienfirma übergegangen, die nur darauf wartete, es zu verkaufen.

Jedenfalls war auffällig, dass ich abends nie jemanden antraf, der verspätet wegging. Ich begegnete nie einer Putzfrau, die morgens, bevor ich das Gebäude verließ, saubermachte. Trotzdem sah hier alles jeden Abend genauso aus. Kein Schmutz war auf den Gängen zu sehen, nicht einmal wenn es geregnet hatte. Auch Staub war nicht zu bemerken, nur auf der Toilette und im Aufenthaltsraum.

Ich las wieder in Schillers Trauerspiel. Als ich die Szene erreichte, in der Gordon darum bittet, Wallenstein noch eine Nacht am Leben zu lassen, wenigstens noch eine Stunde, sagte ich mir, dass ich hinter das Geheimnis des Gebäudes kommen musste. Ich durfte mich nicht mehr mit einem Kontrollgang durch die Flure zufrieden geben. Ich musste die Tür zu einem Arbeitsraum öffnen.

(...)

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