Leseproben schwarz und weiß

Als der punktierte Rhythmus des Orchesters in das helle Klingeln der Ambosse überging, wurde es Jochen Jerichow zu viel. Das Stampfen und Hämmern im
Hintergrund war einfach unerträglich. Er presste den kleinen Gummiballon in seiner Hand, den er im Notfall drücken sollte. Die Musik brach ab, Nibelheim verschwand
vor seinem geistigen Auge und er wurde aus der Röhre hinausgefahren. Er setzte sich auf und nahm die Kopfhörer ab.
»Alles in Ordnung?«, fragte die Arzthelferin.
»Entschuldigung, ich kann so nicht arbeiten«, antwortete er mit bebender Stimme.
Sie sah ihn mitfühlend an: »Ja, es ist schon sehr eng in der Röhre. Das können viele nicht gut ertragen.«
»Das meinte ich nicht. Dieser Krach!«
»Wieso?«, fragte die Arzthelferin, »Sie haben sich doch selbst Wagner ausgesucht, oder?«
»Herrgott, nicht Wagner! Dieses laute Hämmern oder Klopfen, wenn der Apparat in Betrieb ist. Das geht im Rhythmus komplett gegen die Musik! Wie soll ich
mich denn da konzentrieren?«
»Das ist ein Magnetresonanztomograph, der macht nun mal solche Geräusche. Das kann ich nicht ändern.«
Jochen schüttelte den Kopf: »So geht das nicht. Bitte rufen Sie Herrn Xaverius.«
»Der Herr Doktor ist beschäftigt.«
Sie betonte den Titel, als wolle sie Jochen eine Lektion in Höflichkeit erteilen.
»Ich habe selbst einen Doktor«, sagte er zu ihr, »aber nicht in Medizin, und ich lege auch nicht viel Wert darauf. Wenn Sie nun bitte Ihren Chef holen wollen!«
»Er kann jetzt nicht. Das sagte ich doch gerade.«
»Dann streichen Sie mich von der Liste der freiwilligen Probanden. Ich glaube aber nicht, dass Sie unter diesen Umständen sonst jemanden finden, der etwas
von Musik versteht.«
Die Arzthelferin warf ihm einen säuerlichen Blick zu und verschwand hinter einer Tür. Etwas später betrat sie zusammen mit Dr. Xaverius den Raum.
»Sie haben ein Anliegen?«, fragte der Radiologe.
»Ich habe mich mit größtem Enthusiasmus für diese Studie gemeldet, weil ich es wirklich faszinierend finde, was Musik im Gehirn auslöst«, holte Jochen aus.
»Aber damit Sie untersuchen können, was in meinem Kopf passiert, muss ich auch konzentriert zuhören können. Es geht ja wohl nicht um die Vorgänge beim passiven
Berieseln mit Hintergrundgedudel, sondern um die Wirkung ernsthafter Musik auf ein ausgebildetes Gehör. Es ist nicht akzeptabel, dass …«
»Entschuldigung«, unterbrach Dr. Xaverius fahrig. »Worum geht es eigentlich?«
Jochen hatte den Eindruck, der Arzt hatte ihm überhaupt nicht zugehört.
»Diese Maschine hier macht einen Höllenlärm«, sagte er knapp.
»Leider ist es nicht möglich, die Geräusche beim MRT zu unterdrücken. Der Wechsel der Magnetfelder hat leider diesen Nebeneffekt«, sagte Dr. Xaverius
und wendete sich an seine Arzthelferin: »Ingrid, haben wir noch einen anderen Kopfhörer, der besser abdichtet?«
Sie zuckte die Achseln, ging zu einem Schrank und begann lustlos zu wühlen.
Dr. Xaverius drückte Jochen die Hand: »Ich habe momentan leider wenig Zeit. Es wäre mir aber sehr unrecht, Sie als Probanden zu verlieren. Versuchen Sie es
noch einmal, bitte.«
Bevor Jochen etwas antworten konnte, war der Röntgenarzt schon wieder weg. Hatte er der Arzthelferin beim Hinausgehen zugezwinkert oder hatte Jochen
sich das nur eingebildet? Die Arzthelferin hielt ihm ein anderes Paar Kopfhörer entgegen: »Vielleicht probieren Sie es damit?«
Jochen seufzte, setzte sich den neuen Kopfhörer auf und ließ sich wieder in die Röhre schieben. In der Oper machten sich Wotan und Loge abermals auf den Weg
nach Nibelheim, um Alberich den Nibelungenschatz abzunehmen. Das Dröhnen und Hämmern der unterirdischen Schmiede wurde immer noch von fern durch
das Dröhnen und Hämmern des MRT gestört. Jochen versuchte es auszublenden, aber das lenkte seine Konzentration von der Musik ab. In der glatten Röhre, die
ihn umgab, fiel ihm eine Vertiefung auf, so als ob jemand mit einem Hammer dort hineingeschlagen hätte. Seltsam. Ob sich vor ihm schon mal jemand so aufgeregt
hatte über das laute Klopfen, dass er von innen auf das Gerät eingeschlagen hatte, überlegte Jochen. Aber dafür war hier drinnen ja gar kein Platz. Und einen
Hammer hatte man normalerweise auch nicht dabei. Im Gegenteil, die Arzthelferin hatte ihn ausdrücklich gebeten, alle metallischen Gegenstände in der Kabine
zu lassen.
Reiß dich zusammen, sagte er zu sich. Alles, was du denkst, wird aufgezeichnet. Sie werden sehen, welche deiner Hirnareale aktiv gewesen sind. Und da wird
das falsche Hirnareal aufleuchten, wenn du nicht endlich der Musik zuhörst, statt irgendwelche Hammergeschichten zu erfinden. Mühsam kehrten seine Gedanken
zurück zu Wagner und dem Rheingold.

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