Leseprobe: Tigerküsse

Tigerküsse
Hanna Leybrand



Seelen-Schultermassage
(aus dem Roman "Tigerküsse")

So etwa nach zwei Monaten, ich kam ja zweimal die Woche und nahm erst eine Stunde am Qi Gong, dann eine Stunde am Tai Chi Huan teil, saßen Bao Lin und ich, ein jeder in seinem schwarzen Seidenanzug im Schneidersitz auf dem Podest und tranken Tee. Die anderen waren schon gegangen. Bao Lin schien angestrengt sein Tai Chi-Buch zu studieren. Ich fragte ihn dies und das. Er reagierte abwesend. Also ging ich mich umziehen. Ich hatte schon meine schwarzen Cordjeans an und den engen Kaschmirpulli mit dem spitzen Ausschnitt.
»Würdest du mir die Schultern massieren«, fragte er unvermittelt. »Ich habe Rückenschmerzen.«
»Wie paßt denn das. zu einem Qi Gong-Arzt und Großmeister?« spöttelte ich.
Er zog sein schwarzes Oberteil aus und trug darunter ein weißes Achselschlußhemd (»Schießer«, sagte Shakti. – »Nein, Calvin Klein.«) Zuerst stand ich hinter ihm und knetete ein bißchen seine Schultern. Er hielt ganz still. Du fehlst mir noch in meiner Sammlung, dachte ich. Sollte sich da ein Abenteuer anbahnen? Er wollte es bequemer haben. Wir gingen nebenan in sein Büro. Er legte sich auf die schwarze Ledercouch, nicht ohne vorher die Tür seiner Schule zum Treppenhaus hin abgesperrt und die Vorhänge im Büro zugezogen zu haben.
»Wegen der Spanner. Ich mag das nicht. Mit Fernglas von der anderen Seite.«
Um besser mit den Händen an ihn heranzukommen, kniete ich mich über ihn, innerlich schmunzelnd, vermied es jedoch, so gut es eben ging, ihn mit meinem Körper zu berühren. Mit den Händen bearbeitete ich sozusagen ausschließlich sein Unterhemd, sagte, für seine Haut benötigte ich ein bißchen Fett. Eine Lotion hatte er aber nicht. Am Ende legte ich mich auf ihn in der Kobra-Stellung, machte ein Hohlkreuz und überlegte, ob das harte Ding, das ich unter meinem Venushügel spürte, ein Knochen oder eine Erektion war. Er schloß die Augen. Die schönen Haare fielen ihm aus dem Gesicht, das sehr gelb und sehr rund unter mir lag. Seine Schultern und Arme kamen mir etwas mollig vor. Unter den Achseln hatte er ganz wenig schwarzen Flaum. Kurzum, dieser Bao Lin schien sich darauf zu freuen, von mir vernascht zu werden.

(...)



 
Zehntausend
(aus dem Roman "Auf dem Hochseil")

»lch brauche zehntausend«, sagte er.
»Soviel habe ich nicht, und selbst wenn ich sie hätte, würde ich sie dir nicht geben.«
»Martha, bitte ... Du mußt mich verstehen«, sagte er. »Dann leih mir wenigstens zwei- oder dreitausend. Fürs erste dürfte das vielleicht reichen. Den Rest kriege ich schon noch irgendwie zusammen.«
» Wieso brauchst du jetzt plötzlich Geld? Du hast mir doch dieses dicke Kuvert gezeigt mit den elftausend, alles in großen Scheinen. Zumindest hast du gesagt, daß es das ist.«
»Aber das habe ich dir doch erzählt. Das mußte ich diesem Autofritzen geben, damit der den Transporter kaufen kann. Dafür läßt er mich bei sich schwarz arbeiten. An das Geld komme ich nicht ran.«
»Ich verstehe das nicht. Du hast doch noch dein Pfarrergehalt?«
»Also bitte, ich habe genau siebenhundert. Und die habe ich Margarete gegeben, um sie zu beruhigen. Ich schulde ihr Geld. Sie setzt mir das Messer auf die Brust, will mich wieder in den Knast bringen.«
»Sie erpreßt dich?!«
Er nickte.

Martha hatte nicht mit ihm gerechnet. Er sei hier, sagte er am Telefon, habe eine Fahrt nach Frankfurt Flughafen und zurück mit seinem Wagen. Hundert Riesen bringe ihm das. Er mußte aus einer Telefonzelle ganz in der Nähe angerufen haben, denn Minuten später stand er an der Tür. Sie musterte ihn schweigend. Er trug wieder schwarze Hose zu schwarzem Hemd und darüber diese vom vielen Waschen verschossene und aus der Façon gegangene Leinenweste in Schlammgrün. Das schmale Gesicht mit den weit aufgerissenen blassen Augen unter tragischen Stirnfurchen erschien ihr noch zarter dadurch, daß er die mausbraunen Haare extrem kurz hatte scheren lassen.
»Darf ich hereinkommen?« fragte er leise und hielt den Kopf schief zur rechten Schulter geneigt.
Sie war auf Besuch nicht vorbereitet, bequemte sich dann doch, ihm eine Kanne Kaffee zu machen, und stellte schweigend den Teller mit ihrem eigenen Abendbrot auf den Balkontisch, zwei Butterbrezeln, die er achtlos und mit sichtbarem Heißhunger in sich hineinschlang. Seine Hände zitterten, als er das Filterstück in den Holm seiner Pfeife steckte und umständlich mit dem Pfeifenbesteck zugange war. Als hinge sein Seelenheil davon ab, dachte sie.
»Liebende müssen sich helfen«, sagte er, ohne sie anzusehen.
»Das hat Grenzen«, knurrte sie. »Du bist ein guter Liebhaber, aber ein schlechter Gläubiger. Nicht einmal zum Heiratsschwindler eignest du dich.«
»Wenn du mir nicht hilfst, springe ich von deinem Balkon.«
» Wenn du das tust, schaue ich dich nicht mehr an«, sagte sie.
»Das würde ich dir dann auch nicht empfehlen.«
» Du kannst noch scherzen. ..«
»Nein«, sagte er, und die Stirnfalten vertieften sich dramatisch. »Es ist mir bitter ernst. Denn ich habe dir noch gar nicht alles erzählt. Es ist schlimmer, als du denkst ... Ich bin wieder rückfällig geworden.« Er zögerte, blickte an ihr vorbei.

(...)


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