Leseprobe: Hochzeitssuppen

Olga Manj
Hochzeitssuppen

B a r s z c z / Als Durusan am 22. Juli, einem Samstag, auf dem Lindenhof pünktlich um drei Uhr an Magdalenas Wohnungstür klingelte, tat sich zunächst einmal gar nichts.

Magdalena lugte durch den Spion. Da stand Durusan mit ernstem Gesicht und einem Strauß Blumen. Er war nicht nur der Falsche, sondern noch dazu eine halbe Stunde zu früh, gemessen an den Höflichkeitsregeln einer polnischen Einladung. Wutschnaubend lief sie in die Küche und stellte zunächst einmal alle Herdplatten ab. Die Kerle brachten es also fertig, sie sogar an ihrem Namenstag zu verschaukeln. Durusan kam wie immer zu früh, und Władysław würde wie immer viel zu spät kommen. Nach einer dreiviertel Stunde, die sie im Bad mit Duschen, Schminken und Frisieren zugebracht hatte, stand jedoch Durusan immer noch allein vor der Tür, und Magdalena begann zu ahnen, Władysław würde sie versetzen. Sie öffnete.

Durusan begrüßte sie mit einem graziösen Küsschen auf die Wangen, als habe es diese Wartezeit überhaupt nicht gegeben: „Herzliche Glückwünsche zum Namenstag.“ Er überreichte ihr mit einer großen Geste die Blumen. Dann wiederholte er in schönen Abstufungen immer wieder:

„Magdalena, Magdalena, Magdalena“.

Er meinte wohl, wegen dieses Festtages ihren Namen in allen möglichen Tonlagen singen zu müssen. Es war ihr peinlich, dass ihr Name im Treppenhaus hallte.

„Wo ist denn Władysław?“, fragte sie vergebens ins Treppenhaus lauschend, und bat ihn herein.

„Du kennst ihn doch“, Durusan suchte nach einer plausiblen Antwort. „Władysław ist leider überraschend verhindert.“ Mit ausgebreiteten Armen trat er auf sie zu: „Er hat mir aufgetragen, dir tausend Küsse zu geben und dir einen unvergesslichen Namenstag zu bereiten. Dazu bin ich fest entschlossen.“

Magdalena wich seiner Umarmung aus.

Durusan ließ sich davon nicht entmutigen. „Magdalena, ich preise deinen heiligen Namen in den höchsten Tönen.“

Magdalena verzog das Gesicht.

Vielleicht, überlegte er, sollte er doch lieber profane Komplimente machen, also über ihre Frisur staunen oder ihr Kleid bewundern? Nervös ging er darüber hinweg, dass sie so unfreundlich und verkniffen wirkte. Es war ihm schließlich klar, dass er sie zunächst einmal von ihren Gedanken an Władysław abbringen musste. Er säuselte weiter die schönsten Liebenswürdigkeiten.

Magdalena floh vor seinem Wortschwall in die Küche. Auf einer Skala für Schöntun kamen die türkischen Männer offensichtlich noch vor den Polen auf Platz eins. Und die Galanterie der deutschen Männer lag erst auf den Rängen weit, weit dahinter, befand Magdalena.

„Superschöne Ohrringe hast du heute an. Doch noch glanzvoller funkeln deine Augen“, flötete er gerade, als ihn der Sauerkrautgeruch beinahe aus dem Tritt brachte.

„Hast du auch Hunger mitgebracht?“, fragte sie herausfordernd, stellte die Herdplatten wieder an und führte ihn zu dem festlich geschmückten Tisch ins Esszimmer ihrer Eltern. „Es gibt Bigos mit Wildschwein, gekocht nach einem altpolnischen Jägerrezept“, verkündete sie ihm schadenfroh. „Und davor gibt es Barszcz.“

„Was ist Barszcz?“, fragte er kleinlaut geworden.

„Eine Rote-Beete-Suppe mit ordentlich Speck.“

„Mmh, beides schmeckt bestimmt sehr lecker“, Durusan verzog keine Miene. „Was gibt es denn sonst noch Gutes?“

Sie ignorierte diese Frage und meinte: „Mein liebster Durusan, du musst bedenken, dass auf der ganzen Welt wir Polen den höchsten Fleischkonsum haben und vor allem die Schweine schätzen. Du kannst es mir nicht verübeln, dass ich für Władysław gekocht habe.“

Sie stellte zwei Flaschen Tyskie-Bier auf den Tisch und öffnete den Metwein als Begrüßungstrunk. Durusan kratzte sich am Kopf, griff nach dem Gläschen Met, roch mit krauser Nase daran, stellte den süßen Alkohol weg und meinte freundlich gewitzt: „Meine liebste Magdalena. Mit einer kalten Cola und dem aufrechten Blick in die Augen einer schönen Polin könnte ich mich trösten – vielleicht sogar ein ganzes Leben lang.“

Magdalena ließ das Gesülze an sich vorüberrauschen.

„Durusan, du weißt doch, dass ich Władysław liebe. Was habt ihr beiden denn wieder ausgeheckt? Wo steckt Władysław? Steht er vielleicht zur Feier des Tages nicht nur mit einer Dose, sondern gleich mit einem Fass voll Wasser beim Nachbarn über mir?“, sie deutete zur Decke und sah ihn ernüchtert an. „Da wartet er, bis du mich auf den Balkon gelockt hast?“

Durusan senkte den Blick und wusste nicht mehr weiter. Er hätte es eigentlich ahnen müssen, dass es unmöglich sein würde, Magdalena einen Mann auszureden, den sie sich in den Kopf gesetzt hatte. Wie naiv er war. Nur in seinen Träumen hatten sich sämtliche Schwierigkeiten leicht wie in einer Komödie oder in einem dummen Schlagertext von alleine aufgelöst.

„Liebe Magdalena“, stammelte Durusan. „Er wird dir immer und ewig Ärger bereiten. Er wird damit niemals aufhören.“

„Warum denn?“

„Er…, er…“, Durusan suchte nach Worten. „Er hat mir etwas Schreckliches offenbart.“

„Sag es endlich!“, forderte sie ihn auf und kippte das Glas Met auf ex hinunter. „Verschone mich nicht!“

Ihr kam ein grauenvoller Verdacht.

„Ich meine es ehrlich“, jammerte er und zog sie erregt zu sich auf den Stuhl. „Władysław wird dich niemals so lieben wie ich.“

Magdalena schleuderte ihm wild ins Gesicht: „Auch du hast es endlich kapiert: Władysław ist schwul!“

„So ist es“, stieß er nach einer Schrecksekunde hervor. „Nur ich liebe dich unsterblich!“

Sie befreite sich stolz erhobenen Hauptes aus dem Gewirr seiner Arme und Beine. Beschämt ließ er von ihr ab. Erst jetzt begriff er das Ausmaß dessen, was er in seiner Not behauptet hatte.

Sie lief in die Küche und starrte in den Eintopf aus Sauerkraut und Weißkohl, in dem nicht nur die Wildschweinschulter schmorte, sondern auch Rindfleisch, Krakauer, Schlesische Wurst, Pilze und die ersten frischen Pflaumen des Jahres. Władysławs Knuff in Durusans Po unter ihrem Regenschirm, stand ihr wieder vor Augen. Ihr kamen die Tränen.

„Warum hat er mir nicht schon längst selbst gesagt, dass er schwul ist?“, fragte sie in Richtung Esszimmer, in dem Durusan sitzen geblieben war.

„Das hat er wegen mir getan“, kam die zögerliche Antwort von draußen. „Sonst wärst du doch bestimmt schon lange auf und davon.“

Sie lachte unter Tränen, fischte sich einen Pfifferling aus dem Topf und aß ihn. Das Bigos war gar.

Jetzt sollten sie eigentlich schon die Barszcz essen, die sie wieder aufgewärmt hatte. Am liebsten hätte sie augenblicklich den Topf mit der Suppe über Durusan ausgeschüttet, um wenigstens einmal Rache für diese Schmach zu nehmen. Sie durfte sich nicht mehr länger von diesen beiden Männern an der Nase herumführen lassen. Erst recht nicht von dem schwulen Władysław. Schon viel zu lange trieb er seine Unverschämtheiten mit ihr.

Da kam ihr eine verrückte Idee. Jetzt war einmal sie an der Reihe, ihn zu ärgern. „Dann ist Władysław ja ein sehr dummer Mensch. Obwohl er dich liebt und gewiss behalten möchte, schickt er dich zu mir?“

„Äh, ja, er kommt damit gut zurecht“, stammelte Durusan. „Er ist übrigens nach wie vor mein Kumpel und nicht mehr, das hat er mir versprochen.“

Magdalena glaubte ihm kein Wort, Władysław war in Durusan verliebt, das wollte Durusan nur nicht wahrhaben. Sie wischte sich die Tränen ab, grinste über eine Eingebung, nahm den Suppentopf vom Herd und trug ihn ins Esszimmer. Während sie die dampfende Suppe auf die zwei Teller verteilte, fragte sie mit süßer Stimme: „Hatte Władysław tatsächlich noch nie etwas mit Mädchen?“

„Er ist momentan noch nicht so weit“, hüstelte Durusan. „Du hast ihm schon gehörig den Kopf verdreht, für seine Verhältnisse gesehen.“

Sie warf Durusan einen herausfordernden Blick zu. Der abscheuliche Władysław würde bald mit ansehen müssen, wie ihm eine Frau seinen geliebten Durusan entfremdete und ausspannte. Nun gab es einen wunderbaren Grund, sich auf Durusans Flirten einzulassen.

 

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