Leseprobe: Lyrische Leinwände

Párvati Kern: Lyrische Leinwände
Gedichtauswahl / Leseprobe

Blauer Mond

Die Uhren alle abgestellt
Überlasse ich die Zeit dem Zufall.
Schlaf kriecht hinter die Lider.
Ich kann mit euch nicht bis ans
Ende eurer Welt gehen
Niemand glaubt da an die
Freiheit des Individuums.

Ich umarme die Wärme in meiner Brust
Darin gehen manchmal einige Sterne auf
Die umkreisen den blauen Mond
Meines Herzens.

Ich gebe es gerne hin.
Vielleicht werde ich dafür
Gesichte haben, Visionen
Und doch bleibe ich da
Wo ich bin
Eine alleingelassene Närrin
Den Kopf in die tröstliche
Dämmerung versenkt.

Selbst als blinder Passagier
Komme ich ans Ziel
Denn meine Irrtümer
Habe ich alle umarmt.

 

Eine Spur von Freiheit

Wie mein Schlaf
Jäh aufbricht
und pfeilgeschwind
mit dem Pinsel
die Formen abgreift

Über den Hügeln
paaren sich Wolken
Mit Seevögeln
flattern als wären
sie noch im Käfig

Entdecken erschrocken
ihre unbegrenzte Freiheit
Eine Spur noch von
Süße, eine Spur von
Schatten.

Überall Nähte, Säume
Versäumnisse, Vergeblichkeiten
alles flüchtig zusammengeheftet
rasch wieder aufgetrennt
und abgewartet.

Die Sehnsucht
des breiten Rückens
der sich auseinanderwölbt
und in den Schulterblättern
zu fliegen beginnt.



Rentnerfreuden (Zehn)

Das sanfte Wasser, hocherhitzt
Hebt den schweren Deckel
Meines Kartoffelkochtopfs
In dem es blubbert und hüpft
Daß es nur so klappert und
überläuft an den Rändern
Und auf meinen Herd-ist-Goldes-wert
Fließt, und so zerkocht es die
Harten Äpfel der Erde zu
Mehlig-weichen Substanzen, die ich
Mit Butter und Salz zu meiner
Leibspeise erklärt habe.

Dank auch an Wasser und
Elektrizität, ohne euch müßt’
ich ja verhungern

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