Lesprobe: Zimmerflucht

Ankunft

Den Abhang rollt etwas Rotes herunter. Es ist ein Ball. Oben auf dem Hügel die Anstalt, die »Unterbringungsanlage«. Neben dem Hügel, in einer Art sumpfigen Mulde, liegen die Baugerüste, die Anstalt expandiert. Doch es ist zu dunkel, sie zu sehen. Nur die Absperrung dämmert noch nach, ein von hinten aus der Anstaltsgartenbeleuchtung sichtbar gemachter Silberstreif vor dem Horizont, der auch schon nicht mehr zu sehen ist.

Man ist versucht, die Anstalt für ein Erholungsheim oder Hotel zu halten - wäre da nicht der Zaun, der mehr danach aussieht, als solle er Wanderer am Eindringen hindern - was nicht ganz unrichtig ist, denn diese würden den Heilungsprozeß der Insassen stören. Oder ein Irrer, der aus einem der abschließbaren, gut abschließbaren Zimmern entflohen ist und die Flure oder den Park durchstreift.

Diese Irren werden vom Pflegepersonal, das fast durchsichtig die Flure auf- und abläuft, wieder in ein Zimmer gebracht, ein neues Zimmer, noch karger als das alte, um die Bestrafung ganz unterschwellig wirken zu lassen. Der Eingang ist offen und hell beleuchtet, in einem Wirrwarr verschiedener Baustile, mit neoklassizistischen Reliefs, die Säulen vortäuschen, an den Seiten der kirchenartigen Flügeltür. Die Tür selbst, scheinbar im gotischen Stil verfertigt, ist an beiden Seiten beleuchtet, und führt in den Vorraum, ein nüchternes Zimmer mit Plastikschalensitzen in Apfelgrün und einem Glaskasten, in dem eine bunt geschminkte Schwester sitzt und immer nickt, die ganze Zeit nickt und nickt und wartet, daß ein Patient sich anmeldet (denn hier meldet man sich selbst an) - wobei sich die Frage stellt, ob sie immer noch nicken würde, wenn niemand im Raum wäre, aber eigentlich stellt sich die Frage nicht, denn es ist immer, Tag und Nacht, zu jeder Zeit, jemand im Raum; ein Patient, ein zukünftiger Patient, der die Voruntersuchungen noch durchlaufen muß, damit festgestellt wird, woran er leidet, denn jeder, der kommt, hat einen Grund, ein Zimmer zu beziehen, es ist ihm oft nur nicht klar, viele denken nicht ein Mal, nicht ein einziges Mal daran, daß dies überhaupt eine Anstalt ist. Sie wissen nicht um ihre Krankheit, die sich in ihnen ausbreitet, sie verspüren keine Schmerzen, sind nicht verhaltensauffällig, nur richten sie sich in ihrem Zimmer ein, als wäre es eine permanente Wohnstatt. Es sind die meisten, die sich einrichten, und die meisten davon sind untherapierbar.

Die Therapie selbst ist darauf ausgerichtet, den Kranken fester einzureden, daß sie gar nicht krank seien, vielmehr alles normal, ganz normal ist, denn, so die niemals ausgesprochene Maxime, wer das glaubt, der kann auch wieder entlassen werden, nach draußen. Eigentlich müßte jeder dergestalt therapiert werden, eigentlich ist die wahre, die funktionierende Gesellschaft nur die Anstalt, und nur in der Anstalt möglich; deshalb der Anbau. Die Anstalt expandiert.

Die Anstalt hat viele Stockwerke. Auf den unteren Ebenen sind die leichteren Fälle untergebracht, bis hinauf zum Dachboden steigert sich die Schwere der Krankheit, die a-sozialen Fälle dicht unter dem Dach voller Gerümpel; im Keller schließlich sind die Anti-Sozialen untergebracht, Untherapierbare, sabbernde Schreiende, Wahnsinnige, denen der weiße Schaum aus schmilzenden schwarzstumpfen Augen rinnt, wie Morgentau und Abendtau, die nicht von der Therapie überzeugt werden können, aber an der Möglichkeit zur Therapie sich abarbeiten, sich geistig abstoßen - diejenigen, die den Gesundungserfolg der anderen gefährden.

Neben dem Aufzug, dem neumodischen Aufzug, der alles verbindet, bis hinauf auf den Dachboden mit dem Gerümpel, den abgelegten Sachen aus früheren Zeiten der Anstalt, gibt es noch die weitaus schwierigere Möglichkeit der steilen, engen Treppen, die, einst die Hauptverbindungen, nunmehr eine Art von Notverbindungen zwischen den scheinbar auseinanderdriftenden Stockwerken sind. Alle Zeit ist eine Zeit. Alle Räume sind ein Raum. Am Ende jedes langen Flurs, an beiden Seiten mit Türen versehen, befindet sich die steile enge Treppe, deren Ersteigen schon die körperliche Erschöpfung bedeutet, die die geistige Erschöpfung der nächsthöheren Ebene bereits vorher anzeigt. Aber die geistige Erschöpfung beginnt schon auf der Treppe, eine Mattheit, wie das Gefühl einer Erschaffung aus Zerstückelung. Jede Zeit ist eine Zeit. Jeder Raum ist ein Raum.

Die Schwester im Glaskasten nickt weiter, wobei sie die zukünftigen Patienten betrachtet, mit jenem verständnisvoll hohlen Blick, der denjenigen gilt, die krank sind, ohne daß sie die Höflichkeit besitzen, ihre Krankheit vorzustellen.

Es geht den Flur hinab.

Die Türen sind numeriert, nicht etwa nach der üblichen Einteilung, bei der die erste Ziffer das Stockwerk angibt, sondern immer fortlaufend numeriert, um den Insassen die Ausmaße ihrer Erkrankung subtil vorzuhalten, gewissermaßen ihre Position auf einer Skala darzustellen, wiewohl sie dazu eigentlich nur einen Blick aus dem Fenster werfen müßten, in den Park, in dem der Herbst die Blätter vor sich hertreibt und nie jemand spazierengeht außer den Ausgebrochenen; viele haben schon so lange nicht mehr aus dem Fenster geblickt, daß sie die Existenz des Parks bereits vergessen zu haben scheinen. Nahe dem Eingang und jeder Treppe sind die Aufenthaltsräume für die Schwestern und Pfleger.

Es geht den Flur hinab.




Zimmer 13

Der »alte Herr« stand nachdenklich scheinend auf dem Platz. Er nannte sich gerne »alter Herr«, es hatte etwas Ehrenwürdiges und gleichzeitig Komisches an sich. Recht verwirrt blickte er über den Marktplatz. Die Stände voll mit frischem Obst und auch Gemüse beladen, breiteten sich im Viereck um ihn aus. Die Marktfrauen und -männer brabbelten, boten ihre Ware schere - feil. Feil war das richtige Wort. Er liebte es, aus den vielen ihn krähig durchschwirrenden Begriffen den richtigen aufzuspießen, und ihn dann laut - nein, besser leise - vor sich her zu murmeln, wieder und wieder, das war sehr ästhetisch - sie saßen und tranken am Teetisch, aber das gehörte nicht dazu.

Er riß seine Gedanken wieder zusammen und machte Bestandsaufnahme. Also, er war auf einem Markt. Er hatte eine Packung in der linken Hand; die er nur als seine erkannte, weil sie an seinem Arm hing. In der Packung war Brot. Er hatte seinen Sohn vergewaltigt. Nein, das gehörte nicht dazu. Da niemand sein Brot trug, keiner trug sein »Altherrenbrot«, das er in der linken Hand, die an seinem Arm hing, hielt, die schon recht alt wirkte trotz oder wegen ihres Alters, mit den Flecken und den adrigen Fingern, die früher genau in einen Anus gepaßt hatten, als sein Enkel ihn vergewaltigte, aber das gehört nicht dazu, also, weil er ohne Pflegepersonal oder Verwandte auskam, und weil er - verdammt nochmal - das Recht hatte, zu ernten, was er gesät - deswegen hatte er den Anspruch auf den Titel »Eigenbrotträger«, welcher ein schöner Titel war, fast so wie »alter Herr«, deswegen hatte er auch Vorrechte, das Vorrecht, zu ernten, was er gesät, zu sagen, was Recht und Anstand war - verdammt nochmal - ohne daß ihm irgendwelche Lausebengels dazwischenredeten oder unter dem Griff seiner Hände, die adrig und fleckig waren, die er nur als seine Hände erkannte, weil sie mit einer Packung Brot an seinen Armen hingen, deren Finger genau in einen Anus gepaßt hatten, sich wanden - er bräuchte einen Ausweis, ein Abzeichen, damit klar würde, daß er das Recht zu ernten hatte, wann und wo und was er wollte, daß er ein »alter Herr« war, daß er die Tradition alleine hochhielt, weil es sonst niemand niemals tat, und daß er auch vor allem besonders ein »Eigenbrotträger« war! Keiner von den Senilen, die ihr Brot tragen ließen, er trug es alleine, ganz alleine!

Ein sehr alter Herr ging in seinem Zimmer auf und ab. Dabei hielt er sein eigenes Brot fest in der linken Hand, es war durch das vergitterte Fenster zu sehen.




Zimmer 17

Auf dem Tisch das Glas, halbgefüllt mit Wasser, durch welches man hindurchschauen kann in den Spiegel. Ein Zackenbarsch schwimmt darin. Wobei es eigentlich mehr ein Hocker ist als ein Tisch. Der Zackenbarsch wedelt sich mit den Flossen herum, um den Betrachter zu betrachten. Das Glas könnte auch halbgeleert sein. Zudem ähnelt das Glas mehr einer Vase, da der Zackenbarsch sonst nicht hineinpassen würde. Vielleicht ist die klare Substanz noch nicht einmal Wasser. Der Zackenbarsch drückt sein Maul an die Begrenzung, um den Betrachter beim Betrachten zu betrachten. Durch die Flüssigkeit kann man nicht hindurchschauen, weil der Zackenbarsch den gesamten Behälter ausfüllt. So ist auch der Spiegel nicht zu sehen, nur der Zackenbarsch, der den Betrachter beim Betrachten des betrachtenden Zackenbarsches betrachtet.

Auf mit durch man kann in.

Der gelangweilte Zackenbarsch fliegt quer durch die Wände davon. Der Spiegel zerbricht und spiegelt die spiegelnden Spiegelstücke und den sich betrachtend betrachteten Betrachter.




Zimmer 365

T. strich über die rauhen, alten Ziegelsteine. Er erinnerte sich, einen langen Schlaf getan zu haben. Der Verputz war nicht frisch. Aber wie konnte das sein? Hätte ihn jemand hier ... eingemauert, denn das war sein Zustand ... hätte ihn jemand hier eingemauert, während er schlief, so wäre der Mörtel noch mindestens ein wenig feucht und weich. Langsam schlich die Erkenntnis in ihn ein, daß er schon seit geraumer Zeit auf diese Mauerwand starrte. Ohne Gedanken. In einer sehr unangenehmen Haltung, mit dem Kopf zwischen den Knien, den knochigen Steiß auf den Ziegelboden gedrückt, die Füsse gepreßt an die Wand vor ihm. Er roch seine Genitalien, es war unangenehm warm in diesem Loch, aber jemand - der Maurer - hatte sich die Mühe gemacht, ihn ganz auszuziehen. Seltsamerweise spürte er bis jetzt keinerlei Panik darüber, daß ihn jemand unbemerkt ausgezogen und eingemauert hatte. Der Stein drückte ihm den Hintern wund, im Versuch, seine Position zu ändern, rammte er seinen Kopf zweimal gegen die Decke. Der aufzuckende Schmerz brachte dann doch die Panik, der graue Schleier über seinen Augen bedeckte den Schmerz der Schrammen. Wild stieß er um sich, ein Gefesseltes, ohne Ausweg. Er faßte sich langsam wieder, als die Panik keine Änderung brachte. Er hatte sich beschmutzt, der sägende saure Kohlgeruch schien seine Nische einzuschrumpfen. Seine Schenkel klebten, und die nackte Verzweiflung, wie sie kleine Kinder empfinden, ließ ihn zwischen den Wänden hin und her fallen.

Dann bemerkte er das kleine Guckloch, ein Spalt zwischen den Ziegeln direkt vor ihm. Auf der anderen Seite war es dunkel. Und jetzt, wo seine Ohren aufmerksamer waren, hörte er ein unablässiges Gemurmel von der anderen Seite einströmen, als wäre dort eine große Menge Menschen. Räuspern, Wispern, Streichen von Textilien aufeinander, das unhörbare Ticken metallischer Ohrringe und Uhrarmbänder, als wäre er in einem riesigen Theater, kurz vor der sensationellen, noch nie dagewesenen Inszenierung des Klassikers schlechthin. Er konnte sie fast atmen hören, die vielen Menschen, fast konnte er ihren Schweiß, ihre »Aufmachung« riechen. Ihre Erwartung stand in der Luft.

Ein einzelner Lichtkegel ging an und beleuchtete eine graue leere Fläche direkt vor ihm. Im entstandenen Licht waren Andeutungen von Gesichtern zu erkennen, und vielleicht blitzte irgendwo eine Uhr oder eine Kette auf. Wenn er nicht gleich sich bemerkbar machte, würde die Vorstellung beginnen, ohne daß er befreit würde.

Da trat ein zwergenhafter Mensch in den Lichtkegel, bekleidet mit einer absurd übertriebenen Zirkusdirektorkostümierung, perfekt bis zur Reitpeitsche. Die Geräusche schwanden. Der Zwerg hatte einen monströs großen Kopf, in dem wie ein käsiger Sichelmond ein Lächeln von einem Ohr bis ganz hinüber zum anderen Ohr stand. Der Zwerg, der auf unappetitliche Weise auch noch verwachsen war, so daß er sich nicht wie ein normaler Mensch bewegen konnte, sondern sich abwechselnd langsam und ruckhaft vorwärtszog, in jede Bewegung hineinstemmte, dieser Zwerg machte eine Verbeugung, den Rücken zu T. drehend, wobei er seine Nase fast zwischen seine hohen Lackstiefel stemmte und auf der Rückseite seiner Hose ein klaffendes Loch entblößte, durch das T. direkt auf seinen grauen Ringmuskel starren mußte. Dann zeigte dieser Zwerg mit seiner Reitpeitsche direkt auf die Mauer, das Guckloch, auf T. Der Zwerg, der auch auf der Vorderseite der Hose ein Loch hatte, sein unverschämt großes, adriges, dunkles Glied vorzeigte, nahm eine im Schatten versteckte Spitzhacke und ging auf die Mauer, auf das Guckloch, auf T. zu.




K 1

Es war mir wie ein Traum, wie die Latten der Blockhütte klapperten, auf deren anderer Seite der Mond sich in Vergessen tauchte. Nicht wußte ich, woher ich gekommen, noch warum ich hier war. Eine Unterbringung in groben Brettern, Mehrstockbetten Reihe für Reihe, graue Decken, an denen Weißes von Menschen klebt, mit schwarzen Borsten drin. Verschlafen, ich mußte den Appell verschlafen haben. Mir war nicht klar, wo der Appellplatz ist, ich schlich mich aus dem Bettschoß in den Frost, entdeckte an mir eine Art Sträflingskleidung, schwarzgraubraun eingefärbter Filz, aus Haaren. Irgendwo da draußen blecherte ein Hund. Zur Tür, eine Kälte stürzt durch die Öffnung mit der Aussicht auf schneegedeckte Verschläge, den Horizont berandet ein Stachelzaun, der Boden ist aufgewühlt. Kein Ding Kein Blick sagt. Hinter dem Draht heben sich weißkahle Hügel. Außerhalb der Hütte. Die Kälte. Gerade an der Ecke, zwei Wärter auf Patrouille zu sehen. Gnome, ein Meter groß, mit breiten schwarzen Schlapphüten, in halblangen schwarzen Mänteln, Gewehre auf dem Rücken wie Arme. Pressen an die Wand, das Vordach wirft keinen Schatten in das Licht, das von allen Richtungen zu schneiden scheint. Die Wärter schnatterten in einer Sprache mit hohlen Lauten, gerade jenseits des Verstehens, als wären die Silben umgedreht. Im Rücken der Hütte bemerkte ich ihre verdrehten Gesichter, die flachen Nasen, die faltigen Wangen, die Sonnenbraune, unter den Hüten ohne Haare. Als sie die Hütte passiert hatten, knirschte ich zagend über den Schnee hinterher. Sie bewegten sich auf einen Platz zu, aufgeschichtet wie Holz die weißen Fischkörper von Toten, von Abgezerrten. Die Gnome brachen das Schloß an einer Hütte. Sie nahmen heraus Sonnenschirme, Handtücher, Badetücher, Sonnenmilch - mit australischem Lichtschutzfaktorstandard, schöne bunte Sonnenbrillen, Bikinis Badeanzüge Shorts, salzwasserbeständiges Plastikspielzeug, Wasserbälle. Sie zerrten den ersten Körper vom Stapel, ein Männerkörper mit absurd verkümmertem Geschlecht, schon graublau angelaufen hing dieser Dorn, baumelte, als die Gnome den Körper zu zweit auf ein großes blaues Badetuch wuchteten. Dann stellte der eine einen Sonnenschirm auf, der andere hängte dem Körper eine große Sonnenbrille ins Ge sicht, legte ein Kreuzworträtselheft dar über, FORDERN SIE IHRE GEHIRNZELLEN!!!!; aus einem gezackten Loch im Kopf rann etwas schwarze Flüssigkeit auf das Blau. Die Gnome legten einen Frauenkörper daneben, der von schwarzen Streifen überall durchfurcht war, zerrten an einem Bein ein Kleinkind heraus. Drückten den Kopf, etwas hatte den Unterkiefer weggerissen, so daß das Kind die ganze Zeit grinste, fröhlich grinste, drückten den Kopf herab auf einen Haufen Sandkuchenformen. Der letzte Strandurlaub der geschundenen Leiber; Sommerlager.

Daneben steht eine gewaltige Fabrik, wie ein Dampfschiff, wie ein verirrter Wal, ohne Sehen stand ich bereits im Wal, im Wal brennt ein Feuer, hinter einem Gitter brennt in einem riesigen Ofen ein Feuer, und vor dem Feuer eine Liege, auf der ungebunden ein Mensch zuckt, ein weißer bleicher Mensch, unter großen Sägen. Er brabbelte, er faselte, »Das ist alles wirklich ist das alles!.-?« er spuckte, er wurde geschnitten, mundfertig gemacht, ich faßte ihn am Arm, ihn fortzuziehen, an der Schulter brach er ab, ein altes Brot.

Und im Umdrehen zerplatzte sein Gesicht wie Glas, und jede Scherbe brabbelte weiter Bruchstücke.

Vielleicht bin ich verrückt.

An beiden Seiten des Ausgangs, zwischen öligschwarzen Rohren, hingen spinnenartige Wesen. Es waren Menschen, mit langen Armen, langen Beinen, ihre Gesichter bestanden fast nur aus großen gelblichen Augen, die wie Laternen leuchteten, als sie sich näherbeugten, wobei ihre Beine sich noch um die Rohre wickelten. Mit ihren Nadelfingern strichen sie durch mein Haar, »Interessant Interessant«, strichen durch mein Haar »Wir werden es untersuchen untersuchen« Stiche in mein Haar, kichernd lief ich aus der Pforte.

Auf dem Hügel, eine Gestalt, eine Frauengestalt in grauen Roben tanzte mit fliegenden langen Ärmeln, drehte sich zu unsichtbarer Musik, eine Aufführung, sie mußte mindestens zehn Meter groß sein, oder die Hügel waren viel näher, das Lager viel kleiner, fast konnte ich ihre Nippel, ihre Furche unter der Robe erahnen.

Ein organisches Knirschen und Malmen drehte mich zu einem großen Tor im Stachelzaun. Ein Käfer, hoch wie drei oder vier der Hütten, betrat das Lager, er stand auf drei scherenartigen Klauen, mit drei weiteren Klauen als Armfortsätzen, die Gnome riefen in ihrer Sprache, ich starrte auf dem Platz vor der Fabrik, ich stand und starrte, Besuch der hohen Tiere, hinter dem Käfer kamen noch weitere, der Blick aus den torgroßen Augen traf wie die Klaue, die mich aufspießte, die mich zwischen die Mandibeln schob, der Gestank der fleischigen Öffnung, der Anblick des Sommerlagers von oben. Der Schnee auf den Hügeln. Die tanzende Frau.




K 1281

Die Erstarrung schlächtert Entsetzen krächzend schreitet Banalität die Wurst Wurst Wurst Rohgurken sind Abtreibung Politik Bilder leerer nur Steingelaber trompetet Geht uns gut gut gut täterätäää Hackenfraß beinlos wahrwirr Krebskrankigkeit Kürzung Deppland sucht den Superdepp depp nepp Unterhaltung Übermattung Freiheit für die Rinder Mülligkeit Existenznormierung Verwertbarkeit Effizienz jeder hat sein Pack zu tragen Nachrichten Blitz Flimmer spende Spende Steuer Spende krasse Kassen Klassen das Maul der Oberen schmeißt Goldsegen herab lesen Sie noch genau oder gesellschaften Sie schon sinnloser Wiedermampf der Nebel der geistigen Elite muß bezahlt werden ES fügt Ihnen und den Menschen in Ihrer Umgebung erheblichen Schaden zu her mit den Scheinen das Leben kurz das Denken endlos weiter Sinnlosenkitzel größter Schwätzer aller Zeiten durch die Mühle die malmend alles in sich schlürft wie Sekt und Schere im Kopf und Rummsmusik zur Ausweichung ohne Karte orientierungslos Glatzen spielen Theater auf den Schlössern in den Villen der Reichen die uns mit ihrem Elend erweichen Glanz und Gloria tirallala alles lauter bunter leerer zivilisiert wird Protest diskutiert hack ab keine Gewalt ist auch keine Lösung.

Aus den Ohren rinnt schwarz der Verstand in Pfützen auf den Boden.




K 2049

Wenn der graue Mann den Raum betritt, bringt er mir immer eine Maske mit. Es ist so einsam hier. Die Wände habe ich ganz allein dekoriert. Die rote Maske trage ich nur zu Besuch von Unbekannten. Man kann nie wissen, nur der graue Mann kann wissen. Die Fremdenmaske ist schön dick und eindrucksvoll. Für Freunde habe ich die Maske an der Wand, flauschig und aus einem engmaschigen Netz geformt. Freunde und flauschig paßt gut zusammen, schon vom Klang. Natürlich rede ich mit ihnen, mit den Masken. Sie sind meine Freunde, in diesem leeren Raum bin ich die Füllung, wie in einem Putengerippe. Der graue Mann trägt eine Spiegelmaske. Das finde ich nicht so schön. Aber wenn ich mich beklage, vielleicht bringt er mir dann keine mehr mit. Was hänge ich dann an meine Wände? Für gute Tage habe ich ein wunderbares Stück, so perfekt und schön. Damit trete ich am liebsten vor den grauen Mann. An schlechten Tagen muß ich ein Stück Pergament nehmen als Schleier. Und manchmal trete ich vor den Grauen mit einer Maske aus Glas. Ganz rauchig, nur die Konturen von Gesichtszügen sind in seinem Spiegel zu sehen, verdecken nur ganz schwach meinen ausgehöhlten Schädel, in dem eine erloschene Kerze steht.




Abreise

Es ist Zeit zu gehen. Alles hier ist gesehen. Alles vertraut. Die Wärter und Schwestern grüßen. Die Sitzungen sind vollzogen. Alle Therapien gemacht.

Austherapiert.

Ich öffne die Ausgangstür mit dem Sichtfenster und dem Hinweis »K 2305«, gehe hindurch. Die Katze streicht mir um die Beine. Mein Schemen verschwindet im Dunkeln des Weges. Die Anstalt ist eine Schwingung in der Luft. Der Regen auf den Kleidern. Sie klopft unter meinen Füßen. Man muß es akzeptieren, wie Schwerkraft oder das Magnetfeld.

Ich bin geheilt und frei.

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